Diese Verehrung hat sich in der gesamten portugiesischsprachigen Welt verbreitet und ist heute in Brasilien lebendiger als in ihrem Ursprungsland. Das beste Beispiel dafür ist der „Círio de Nazaré“ in Belém do Pará, der größte Ausdruck des katholischen Glaubens in Südamerika. Jedes Jahr strömen dabei über zwei Millionen Menschen auf die Straßen der Hauptstadt des Bundesstaates Pará, um der Königin des Amazonas ihre Ehrerbietung zu erweisen.
Neben der eigentlichen Wiege dieser Verehrung, der Stadt Nazaré mit ihrem Heiligtum, gibt es in Portugal Dutzende von Kirchen, Feierlichkeiten und Fackelprozessionen, die dieser Marienanrufung gewidmet sind. Dieses gemeinsame spirituelle Erbe, das Völker und Generationen im Geiste des Friedens und der Hoffnung vereint, verdient es, bewahrt und gefördert zu werden.
Das Sítio, der Mittelpunkt des Kults um die Muttergottes von Nazaré
Das Sítio liegt auf der Spitze des Vorgebirges von Nazaré. Seine Geschichte ist untrennbar mit der Verehrung der Muttergottes von Nazaré verbunden. Dies gilt auch für die Besiedlung, die sich rund um die Wallfahrtskirche und die kulturellen sowie karitativen Aktivitäten der Bruderschaft „Nossa Senhora da Nazaré“ entwickelte. Dazu gehören das Krankenhaus, das der Gemeinde bis heute einen wichtigen Dienst leistet, sowie Einrichtungen wie die Stierkampfarena und das historische Chaby-Pinheiro-Theater.
Neben den Stätten, die in direktem Zusammenhang mit der Verehrung der Muttergottes von Nazaré stehen, bietet die Gegend weitere Sehenswürdigkeiten, die einen ausführlichen Besuch wert sind. Dazu gehören beispielsweise die Festung São Miguel Arcanjo, eine prächtige Festungsanlage aus dem 17. Jahrhundert, und das Joaquim-Manso-Museum. Letzteres ist Nazaré und seiner Beziehung zum Meer gewidmet und zeigt jahrtausendealte sowie historische Zeugnisse der menschlichen Besiedlung dieser Küste, die bis in prähistorische Zeiten zurückreichen. Darüber hinaus werden dort die Geschichte der Stadt, der Kult der Muttergottes von Nazaré sowie Fischereifahrzeuge und Fanggeräte, lokale Handwerkskunst und Feste sowie traditionelle Trachten präsentiert.
Die Gedenkkapelle befindet sich auf dem Hügel von Sítio und bietet einen wunderschönen Blick auf den Strand von Nazaré. Der Legende nach erschien dort im Jahr 1182 die Jungfrau Maria dem Bürgermeister D. Fuas Roupinho. Ursprünglich verfügte die Kapelle über vier offene Bögen, die schließlich im 17. Jahrhundert zugemauert wurden.
Ist das Wunder wahr?
Laut dem Historiker Pedro Penteado beruht die Verehrung der Muttergottes von Nazaré in Sítio auf einer historisch unbegründeten Erzählung: dem Wunder, das D. Fuas Roupinho im 12. Jahrhundert angeblich davor bewahrt haben soll, ins Meer zu stürzen.
Die ersten Aufzeichnungen über dieses übernatürliche Ereignis tauchten erst im 17. Jahrhundert auf. Zudem hätte es im 12. Jahrhundert, als sich dieses Erscheinung angeblich zugetragen haben soll, noch keinen Wallfahrtsort gegeben. Die Verehrung Unserer Lieben Frau von Nazaré reicht lediglich bis ins 14. Jahrhundert zurück. Ihre Verbreitung wurde von der Krone gefördert und erreichte sogar Brasilien, wo sie zu einem der größten Feste des Landes und zum wichtigsten Fest in Belém do Pará wurde – dem Círio.
In seinem Buch „Peregrinos da Memória – O Santuário de Nossa Senhora de Nazaré 1600–1785” stellt der Historiker klar: Es war Bruder Bernardo de Brito, der um das Jahr 1600 den Lauf der Geschichte des Heiligtums veränderte, indem er die Geschichte des Wunders schriftlich festhielt.
Mit dem Zeichen und dem von Bernardo de Brito verfassten Bericht wurde der Grundstein für die Umwandlung der Kapelle in einen Wallfahrtsort gelegt. In seinem Buch merkt Pedro Penteado an, dass es schwer zu sagen ist, ob es zuvor mündliche Überlieferungen über die Ursprünge des Bildnisses gab. Er fügt jedoch hinzu: „Bis zum Erscheinen des Berichts dieses Klosterchronisten war das Bildnis Unserer Lieben Frau von Nazaré nie öffentlich mit dem Wunder des Ritters in Verbindung gebracht worden.“ Tatsächlich ist es wahrscheinlich, dass das Bildnis „lediglich als die kleine Milchmadonna angesehen wurde, die ihren Sohn an ihrer linken Brust wiegt“.
Bei den Wallfahrten spielten die Bruderschaften eine besondere Rolle. Ihr Ziel war es, die mit der Wallfahrt verbundene Verehrung zu fördern. Sie wurden als „Círio“ bekannt, von denen es noch drei gibt: in Santo Isidoro – Mafra –, Penela und Olhalvo. Über den Namen „Círio“ wurde das Fest zu Ehren Unserer Lieben Frau von Nazaré schließlich auch in Brasilien bekannt.